wissenschaftliche Analysen

Wissenschaftliche Analysen

Der Dorje Shugden Konflikt

Interview mit dem Tibetologen und Gründer von TibetInfoNet, Thierry Dodin

8. Mai 2014

Worum geht es eigentlich beim Dorje Shugden-Konflikt?

Dieser Konflikt ist im 17. Jahrhundert entstanden und hat sich seitdem auf vielen Ebenen abgespielt. Im Wesentlichen geht es um die Frage, ob die vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus – Nyingmapa, Sakyapa, Kagyupa und Gelugpa – gleichberechtigt sind oder ob eine davon, die Gelugpa-Schule, „reiner“ ist und deshalb höher steht. Die Gelugpa-Schule ist übrigens die, zu der auch der Dalai Lama gehört.

Will also der Dalai Lama seine Schule dominant machen?

Nein, eben nicht! Innerhalb der Gelugpa-Schule gibt es zwei Strömungen: eine – hauptsächlich Dorje Shugden-Unterstützer –, die behauptet, diese Schule sei den anderen Schulen überlegen, und eine andere, die – wie der Dalai Lama – tolerant denkt. Der Dalai Lama hat das Einvernehmen und die Zusammenarbeit mit den anderen Schulen des tibetischen Buddhismus vorangetrieben und vertieft. Und dagegen wenden sich die Anhänger des Dorje Shugden-Kultes. Sie betrachten das als Herabwürdigung der Gelugpa-Schule und werfen dem Dalai Lama vor, er verwässere die „reine Lehre“.

Also handelt es sich um einen rein religiösen Konflikt?

Nein, eigentlich nicht. Zwischen den verschiedenen Schulen des tibetischen Buddhismus gibt es keine gravierenden Unterschiede in Bezug auf die Lehrmeinungen, und schon gar nicht innerhalb ein und derselben Schule. Problemträchtig sind die sogenannten Überlieferungslinien: In den einzelnen Schulen werden Unterweisungen vom Lehrer an den Schüler und von Generation zu Generation in ununterbrochener Folge weitergegeben, und zwischen diesen verschiedenen Überlieferungslinien bestehen manchmal sehr krasse Rivalitäten, ähnlich wie bei Seilschaften. Wohlgemerkt, es geht hier vor allem um Gruppenidentität, um ein Wir-Gefühl. Diese Erscheinungen kann man ganz klar in die Kategorie Politik einordnen, schon deshalb, weil damit Machtfragen verbunden sind. Es geht dabei z. B. um Eigentum an Klöstern oder, im alten Tibet, an Ländereien etc. Vom Wunsch nach Macht, Status und Besitz, der Un-Heiligen Dreifaltigkeit, bleibt also auch der buddhistische Orden nicht verschont – Menschen bleiben nun einmal Menschen. Aber man muss auch ergänzen, dass dieser essenziell politische und sehr menschliche Zug dadurch eine religiöse Bedeutung erhält, dass im tibetischen Buddhismus die Lehrer-Schüler-Beziehung eine sehr große Rolle spielt. Die Loyalität zum Lehrer wird sehr stark empfunden. Das macht es den Schülern dann schwer, Traditionen, die sie von ihrem Lehrer empfangen haben, wie z.B. den Shugden-Kult, kritisch zu hinterfragen, geschweige denn, sich davon zu distanzieren.

Steht das nicht in krassem Widerspruch zur Aufforderung des Buddha an seine Schüler, selbst seine Worte immer wieder zu hinterfragen?

Doch, das ist eindeutig ein Widerspruch zu diesem Kardinalpunkt in der Lehre des Buddha. Doch der Mensch ist nun mal nicht Rationalwesen allein. Selbst wenn er es besser weiß, wird er immer gute Gründe finden, das zu glauben, was ihn irgendwie in der Komfortzone hält. Es ist immer leichter etwas „wegzuglauben“, als vertraute Vorstellungen in Frage zu stellen und dafür Schmerzen in Kauf zu nehmen. Das ist für den religiösen Menschen wie für den nicht-religiösen Menschen so.

Wie ist der Konflikt historisch entstanden?

Im 17. Jahrhundert hat der Fünfte Dalai Lama Tibet politisch geeint. Dabei hat er aus realpolitischen Erwägungen heraus seine Schule, die Gelugpa-Schule, als institutionellen Rückhalt genutzt und vorrangig mit Ämtern und Aufgaben bedacht. Er brauchte eine loyale Institution sozusagen zur politischen Rückendeckung. Aber in religiöser Hinsicht war er wirklich tolerant: Einige seiner wichtigsten Lehrer gehörten sogar anderen Schulen an.  Deshalb hat er beim Aufbau des tibetischen Staates – seine große politische Leistung – nicht nur seine Gelugpa-Schule berücksichtigt, sondern hat einige Institutionen und Staatsrituale auch anderen Schulen anvertraut. Diese Geste hat aber mächtige Mitglieder der Gelugpa-Schule aufgebracht, die einen Ausschließlichkeitsanspruch für ihre Schule vertraten. Diese Kritiker bildeten eine Gruppe um den Kult einer bis dahin wenig bekannten sog. Schutzgottheit mit Namen Dorje Shugden. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Gruppe religiöser Natur war. Es war im alten Tibet durchaus üblich, auch sehr weltliche Dinge einer Art sakralem Schutz zu unterstellen. Nach dem Tod des Fünften Dalai Lama 1682 verbreitete sich der Kult sehr stark innerhalb der Gelugpa-Schule, besonders in den politisch relevanten Bereichen. So kam es im Laufe der Zeit dazu, dass die Anhänger des Shugden-Kultes die staatlichen Strukturen des alten Tibet fast vollständig dominierten und auch in den ersten Jahren des Exils in Indien und Nepal – bis in die 1970er Jahre hinein – in den Exilinstitutionen Ton angebend waren. Die Shugden-Verehrung gab dabei der Abgrenzung gegenüber den Nicht-Gelugpa-Schulen eine religiöse Dimension. Der Hauptpunkt aber war die Monopolisierung von Macht und Ressourcen in den Händen einer eingeschworenen Gemeinschaft, also ganz klar eine politische Angelegenheit.

Welche Rolle spielt der gegenwärtige Dalai Lama in diesem Konflikt?

Ihm ist es zu verdanken, dass in den 1970er Jahren langsam eine tolerantere Strömung aufkam, die eher pluralistisch und demokratisch gesonnen war und sich nach und nach gegen die konservative „alte Garde“ – meist Shugden-Anhänger – durchsetzte. Etwa gleichzeitig begann der Dalai Lama, sich skeptisch gegenüber diesem Kult zu äußern. Mit der Zeit wurde seine Position dazu immer deutlicher. Heute ist die Gruppe der Shugden-Befürworter in der Exilgemeinschaft politisch fast völlig bedeutungslos.

Die Shugden-Anhänger werfen dem Dalai Lama vor, er habe diese Praxis mit einem „Verbot“ belegt und unterdrücke damit die Religionsfreiheit. Ist diese Anschuldigung gerechtfertigt?

Nein, ein solches Verbot besteht nicht. Hier geht es nicht um Religionsfreiheit. Niemand, und ganz sicher nicht der Dalai Lama, unterdrückt die Religionsfreiheit. Es geht hier um Macht und Einfluss. Der Dalai Lama hat lediglich von diesem Kult abgeraten. Er weiß wohl auch um das schmerzhafte Dilemma, vor dem viele Shugden-Anhänger stehen, wenn es darum geht, einen Kult aufzugeben, den sie von ihrem Lehrer erhalten haben. Technisch betrachtet könnte der Dalai Lama ein solches Verbot ohnehin nicht erlassen. Er ist ja niemandem gegenüber weisungsbefugt, wie es zum Beispiel in der katholischen Kirche der Papst ist. Er ist nicht einmal, wie vielfach fälschlicherweise angenommen wird, das Oberhaupt der Gelugpa-Schule – das ist der Ganden Tripa.
Wohl aber hat er diejenigen, die den Kult weiterhin betreiben, gebeten, nicht an Unterweisungen oder Ermächtigungen teilzunehmen, die er gibt. Damit hat er eine Art ‚Knautschzone’ geschaffen. Wahrscheinlich auch mit dem Gedanken, dass jeder Ablösungsprozess Zeit braucht. Als sich aber herausstellte, dass die Gruppe sich in Schlüsselklöstern in Süd-Indien festgesetzt hatte, forderte er die restlichen Mönche auf, klare Verhältnisse zu schaffen. Die Shugden-Anhänger mussten sich dann in Klöster zurückziehen, die ausschließlich diesem Kult gewidmet waren, oder sie gründeten neue an anderen Orten. Es ging also darum, eine deutliche Trennung zu schaffen, und nicht darum, die Shugden-Gruppe zu vernichten, wie diese manchmal behauptet.

Bedenkt man, dass die Shugden-Gruppe einst die tibetische Politik und die Gelugpa-Schule in sehr sektiererischer Weise dominiert hat – ein Zustand, den die Demokratie und nicht zuletzt das Wirken des Dalai Lama mittlerweile beseitigt haben –, dann kann man verstehen, warum einige einflussreiche Shugden-Anhänger den Dalai Lama hassen und ihm möglichst großen Schaden zufügen möchten.

Ein weiterer Vorwurf gegen den Dalai Lama ist, dass er und die Tibetische Zentralverwaltung (früher auch als Exilregierung bekannt) Shugden-Anhänger von medizinischer Versorgung und Ausbildung ausschlössen und ihnen Ausweispapiere versagten.

Es ist richtig, dass der Kult sozial geächtet wird. Dass die verbliebenen Anhänger aber aufgrund einer offiziellen Direktive systematisch ausgegrenzt würden, kann man so nicht stehen lassen. Schon deswegen nicht, weil sie von sich aus in Gruppen, weitgehend abgegrenzt von der restlichen Gemeinschaft, leben.

Wie immer bei sozio-politischen Auseinandersetzungen kam es in der Tat hier und da zu unerfreulichen Zwischenfällen. Doch kann man den Dalai Lama nicht  für die Taten einiger Übereifriger verantwortlich machen: Er hat weder dazu aufgerufen, noch ihre Taten hinterher gebilligt. Außerdem sind solche Zwischenfälle in Zahl und Schwere von Shugden-Propagandisten maßlos übertrieben worden. – Ja, es hat durchaus gesellschaftliche Spannungen gegeben, Gewalt blieb aber die Ausnahme. Die Spannungen haben sich eher in hitzigen Debatten, in Demonstrationen und Boykotts entladen. Und wenn man bedenkt, dass das Problem bereits seit dem späten 17. Jahrhundert besteht und schon im alten Tibet zu starken Spannungen, ja sogar zu lokalen Kriegen geführt hat, so muss man sagen, dass dieser Konflikt in den letzten 30 Jahren im Großen und Ganzen recht friedlich verlief. Aber es soll hier nicht bezweifelt werden, dass es, wenn es um den Dalai Lama geht, durchaus so etwas wie vorauseilenden Gehorsam unter Tibetern gibt, dabei wird schon mal Übereifer an den Tag gelegt, der nicht immer der intendierten Sache dient. Die tibetische Gesellschaft ist tendenziell eher konservativ als liberal. Das kann schon zu Problemen führen.

Könnte der Dalai Lama derartigen Übergriffen nicht einfach Einhalt gebieten, indem er seine Landsleute aufruft, dies zu unterlassen?

Dies ist eine polemische Frage, sie insinuiert, dass es über längere Zeit zu zahlreichen und heftigen Zwischenfällen gekommen wäre. Das ist aber nicht der Fall.

Spielt China eine Rolle in diesem Konflikt?

Wie gesagt, die Shugden-Frage hat Tibet in den letzten 300 Jahren beschäftigt. Dabei haben sowohl die Shugden-Anhänger wie auch die jeweiligen Herrscher in China immer wieder versucht, mal mehr, mal weniger geschickt, sich gegenseitig für ihre jeweiligen Machtspiele einzuspannen. Mal waren sie dabei einander nah, mal waren sie Feinde.

Gegenwärtig stehen der Dalai Lama und die Shugden-Anhänger in Opposition zueinander, daher liegt es nahe, dass China diese Situation ausnutzt und von staatlicher Seite her alles dazu tut, den Kult zu fördern. So wird z.B. der Aufbau von Shugden-Tempeln und Klöstern finanziell unterstützt. Wir wissen auch, dass die Lehrer des jungen Mannes, der 1995 gegen den Willen des Dalai Lama von der chinesischen Führung zum Panchen Lama ernannt wurde, fast alle der Shugden-Gruppe angehören. Ich denke, diese Beispiele zeigen deutlich, welche Rolle China in diesem Konflikt spielt.

Das übrigens führt vor allem in Tibet selbst zu weiteren Spannungen. Wie erwähnt, fällt es manchen Shugden-Anhängern schwer, den Kult aufzugeben. Das ist natürlich besonders bei älteren Mönchen der Fall. Diese mögen den Kult weiter betreiben, tun das aber diskret, auch weil sie den Dalai Lama als Person und als Institution weiterhin verehren. Die Verunglimpfung des Dalai Lama durch China und Chinas offensichtlich nicht religiös bedingte Unterstützung für den Kult stellen sie natürlich vor weitere ethische Probleme.

Ist der Kult auch im Westen verbreitet?

Es gibt derzeit drei unterschiedliche Shugden-Gruppen. Eine davon, die unter der Führung von Lama Gangchen operiert – er lebt in Rom –, steht in sehr enger Beziehung zu China. Diese Gruppe ist bemüht, den Kult in Tibet in Gegenden wiederaufleben zu lassen, wo er so gut wie verschwunden war. Ihre Mitglieder arbeiten auch eng mit einer Gruppe von chinesischen Anhängern des tibetischen Buddhismus zusammen, die international von Singapur aus operiert.

Dann gibt es noch eine zweite – kleine – Shugden-Gruppe, die fast ausschließlich aus Tibetern besteht. Die meisten von ihnen leben in Indien, aber einige auch in der Schweiz. Leitfigur war für viele Jahre Dagom Rinpoche. Nach dessen Tod hat Lobsang Yeshi diese Rolle übernommen. Er selbst sieht sich als Reinkarnation von Kundeling Rinpoche, einen wichtigen Lama der Gelugpa Tradition. Viele betrachten ihn jedoch als Usurpator und verspotten ihn als „Nga-Lama“ („Ich-Lama“). Es gibt einen anderen Kundeling Rinpoche, der offiziell — auch vom Dalai Lama — anerkannt wird.

Bekannt ist im Westen vor allem die dritte Gruppe, die New Kadampa Tradition (NKT). Sie wurde von Geshe Kelsang Gyatso gegründet, einem Gelehrten, der sich vom Dalai Lama lossagte, als dieser offen erklärte, dass er den Kult ablehne. Die NKT kann man aufgrund ihrer Organisationsform, dem überstarken Gruppenzwang und dem blinden Gehorsam ihrem Gründer gegenüber typologisch als Sekte bezeichnen. Auch der extreme Fanatismus und der aggressive Missionierungsdrang, die von ihnen ausgehen, sind ein typisches Merkmal dafür. Es ist diese Gruppe, die seit den 1990er Jahren, wann immer der Dalai Lama in den Westen reiste, spektakuläre Demonstrationen veranstaltet hat. Tibeter sind in der NKT sehr spärlich vertreten. Die Demonstranten sind fast ausschließlich westliche Mönche und Nonnen, die in der NKT nach deren eigenem Ritus ordiniert wurden.

Arbeiten diese drei Gruppen zusammen?

Die Beziehungen zueinander sind recht komplex. Das ist schon durch die Sektenartigkeit gegeben, die ja Führungspluralität nicht gerade fördert. Dann gibt es auch Unterschiede in der Haltung zu China. Gangchen Lama, wie gesagt, arbeitet eng mit den chinesischen Autoritäten zusammen. Geshe Kelsang Gyatso und seine NKT sind deutlich distanzierter. Auch die ‚Kundeling-Gruppe’ gerät mehr und mehr unter den Einfluss Chinas. Es gibt aber auch Widerstand, da einige Mitglieder früher gegen China gekämpft haben. Die beiden letzten Gruppen arbeiten bei Demonstrationen gegen den Dalai Lama wenigstens informell zusammen. Die Demonstrationen werden aber primär von der NKT organisiert und durchgeführt.

Singapur ist zu einer Shugden-Hochburg geworden, wohl finanziert durch China. Von dort aus wird versucht, die Shugden-Bewegung zu einigen, um sie effizienter zu machen – offenbar mit Erfolg.

Kämpft die Shugden-Gruppe tatsächlich gegen religiöse Unterdrückung und Verfolgung und für religiöse Freiheit, wie sie behauptet?

Ihre Kampagne insinuiert ja, dass sie massivster Verfolgung ausgesetzt sei. Nun, wenn wir das logisch betrachten, dann haben wir folgende Fakten: Der Dalai Lama rät von einem Kult ab, den er für eine falsche Entwicklung innerhalb seiner Gelugpa-Schule hält. Er ruft aber nicht dazu auf, die Anhänger zu vernichten oder ihre Klöster anzugreifen, sondern besteht lediglich auf einer deutlichen Trennung im monastischen Bereich. Also, der Dalai Lama hat sich von der Shugden-Gruppe distanziert, und diese hat sich von ihm losgesagt. Damit bestehen an und für sich keine Überschneidungen mehr, keine Interferenzen mit den Angelegenheiten des anderen. Von daher kann es auch keine Unterdrückung geben – umso weniger als die Shugden-Gruppe, so z.B. die Internationale Shugden-Gemeinschaft, in ihren Broschüren behauptet, dieser Dalai Lama sei gar nicht der richtige Dalai Lama. Warum sollten sie sich von einem „falschen Dalai Lama“, den sie nicht anerkennen, überhaupt etwas verbieten – oder erlauben – lassen? Das macht doch keinen Sinn!

Was wir hier sehen, ist ein Versuch, den Ruf des Dalai Lama als Befürworter von Menschenrechten, Toleranz und Friedfertigkeit zu demontieren. Ein Versuch, der mit besonders fanatischem Eifer von den neueren westlichen Anhängern des Kultes betrieben wird. Die Frage heißt: Cui bono?  

 

Thierry Dodin ist Tibetologe. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Kulturgeschichte, moderne Geschichte sowie soziale, politische und ökologische Fragen in Tibet und den Himalayaländern, sowie in den Ländern des buddhistischen Kulturkreises. Wissenschaftlich ist er vor allem mit der Universität Bonn liiert. Seit den früheren 1990er Jahren war er auch in verschiedenen Funktionen mit dem Tibet Information Network (TIN) assoziiert, zuletzt als Exekutivdirektor. Er ist Gründer und Leiter von TibetInfoNet.

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Dieses Interview ist unter www.info-buddhismus.de zum ersten Mal veröffentlicht worden. Wir haben von den Verantwortlichen die Erlaubnis erhalten, es für unsere Homepage zu verwenden.


Anti-Dalai Lama-Proteste von Pro-Shugden-Gruppen

Ein Interview mit Robert Barnett

Robert Barnett
Zeitgenössische Tibet-Studien
Columbia University, New York

F: Seit den 1990er Jahren und verstärkt seit 2008 haben Shugden-Anhänger Proteste gegen den Dalai Lama organisiert. Können Sie den sogenannten „Dorje Shugden Konflikt“ in aller Kürze erklären? Einen „Geist“ anzubeten, ist für Westler schwer nachzuvollziehen …

Robert Barnett: Wie die meisten Religionen erkennt auch der tibetische Buddhismus die Existenz von zahlreichen lokalen Göttern oder Geistern an. Die meisten von ihnen werden als dumm und gefühlsbetont betrachtet, sie neigen zu Wut und Eifersucht. Einige aber sieht man als mächtige und bösartige Kräfte an, die den Menschen ernsthaft schaden können. Traditionell glauben tibetische Buddhisten, dass man solche Kräfte befrieden oder beschwichtigen muss, damit sie keinen Schaden anrichten. Bei lokalen Gottheiten geschieht dies durch Rituale, zum Beispiel durch das Darbringen von Weihrauch oder die symbolische Opferung von Speisen oder Getränken.

Von einer kleinen Zahl dieser machtvollen Geister glaubt man, dass sie Buddhisten nicht nur helfen, sondern dass sie sogar selbst Anhänger des Buddha geworden sind. Die mächtigsten von ihnen bezeichnet man als Beschützer oder Schutzgottheiten. Praktizierende rufen sie oft mit komplizierten Gebeten und Ritualen an und bitten sie, ihnen bei der Erreichung ihrer religiösen Ziele zu helfen.

Im aktuellen Streit geht es darum, ob man eine besonders grimmige Schutzgottheit namens „Shugden“ oder „Der Mächtige“ anbeten soll. Viele Lamas, die der Hauptschule oder Sekte des tibetischen Buddhismus, der Gelug-Tradition, angehören, pflegten ihre Anhänger aufzufordern, diese Gottheit anzurufen. Diese Praxis verbreitete sich unter den Gelugpa-Anhängern vor allem seit den 1940er Jahren. In den letzten vier Jahrzehnten jedoch hat der Dalai Lama vor der Anrufung dieses Geistes gewarnt, da dies zu Zwietracht [unter den Buddhisten] führe und sogar gefährlich sei. 1996 schließlich hat er seine Anhänger kategorisch aufgefordert, Shugden nicht mehr anzubeten. Eine Gruppe anderer Gelugpa-Lamas aber hält daran fest, dass es für ihre Anhänger wichtig sei, diese Gottheit um Schutz zu bitten. Sie geht sogar so weit zu unterstellen, dass Unglück sie ereilen könne, wenn dies nicht geschähe. So geht es im Grunde nicht um die Frage, ob dieser Geist bösartig, mächtig oder wirksam ist für den, der ihn anruft – es geht darum, ob es ungefährlich oder moralisch vertretbar ist, ihn anzurufen.

Hinter all dem steht letztlich ein größerer Streit um Sektierertum. In der Vergangenheit gehörten die Shugden-Förderer zu den Vertretern der herrschenden Gelugpa-Schicht. In einigen ihrer Texte wird ihre Schutzgottheit ausdrücklich aufgefordert, andere buddhistische Schulen und auch alle Mitglieder der Gelugpa-Schule, deren Ansicht von der ihren abweicht, zu verleumden oder zu vernichten. Die heutigen Shugden-Anhänger im Westen behaupten, dass der Schutz, den ihr Geist bietet, sich auf die Verteidigung der „Reinheit“ ihrer Version der Gelugpa-Lehre bezöge. Für sie bedeute dies lediglich, dass ihre Anhänger keine Unterweisungen von Lamas annehmen, die einer anderen Schule angehören. Es gibt jedoch viele Menschen, die befürchten, dass sich die aggressive Seite der Shugden-Praxis nicht geändert hat. Der Dalai Lama nimmt, obwohl er selbst der Gelugpa-Schule angehört, Unterweisungen von Lamas anderer Schulen an, arbeitet eng mit ihnen zusammen und fordert alle auf, jegliche Formen des tibetischen Buddhismus zu respektieren. Er und seine Anhänger erklären, dass sie die Shugden-Praxis zum Teil auch wegen ihrer Verbindung zum Sektierertum ablehnen.

Diese Spannungen über Sektierertum spiegeln eine tiefgehende Spaltung über die künftige Ausrichtung der Tibeter im Allgemeinen wider. Die Nicht-Sektierer sind einer Vision verpflichtet, in der die Tibeter mit dem Dalai Lama im Zentrum als einheitliche Gemeinschaft oder Nation stehen. Die aktiveren Shugden-Lamas andererseits streben die Schaffung autonomer, von Lamas geführter Zentren oder Organisationen auf der ganzen Welt an, die ihre Anhänger unterstützen und ihre Version der tibetischen religiösen Lehren fördern sollen. Diese beiden Sichtweisen, wie die Tibeter in der modernen Welt am besten überleben können – durch den Wiederaufbau einer einzigen Nation im Exil oder die Errichtung separater Institutionen, geführt von einzelnen Lamas – sind zu einem offenen Konflikt ausgebrochen. Vielleicht auch deshalb, weil nach 55 Jahren des Exils und angesichts des Alters des Dalai Lama, der Einsatz für die tibetische Gemeinschaft so hoch ist.

In den letzten Jahren ist dieser Streit noch komplexer geworden, da jetzt einige Pro-Shugden-Lamas behaupten, dass Shugden nicht nur eine Schutzgottheit, sondern auch ein voll erleuchteter Buddha sei. Sie haben ihn also, christlich ausgedrückt, von einem lokalen Geistwesen auf die Stufe der Gottheit selbst erhoben, was zwangsläufig bedeutet, dass er keinerlei Schaden verursachen wird. Ich bin nicht sicher, wie weit dieser Glaube unter den tibetischen Shugden-Anhängern verbreitet ist, aber unter den westlichen Anhängern wird dies jetzt überall propagiert. Möglicherweise wissen sie gar nicht, dass dieses Wesen von anderen als eine Art umstrittener lokaler Geist gesehen wird, und sie werden wahrscheinlich jede Kritik an ihm als Angriff auf den buddhistischen Glauben selbst sehen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie die Art des Streits sich im Laufe der Zeit verändert, wenn neue Strategien und Argumente ins Spiel gebracht werden, die den Einsatz jedes Mal erhöhen und eine Lösung immer schwieriger machen.

F: Ist die Shugden-Frage ein rein religiöses Problem oder hat sie auch politische Aspekte?

Robert Barnett: Der Grund, dass dieser Streit so heftig und polarisierend geworden ist, liegt darin, dass er verschiedene ganz unterschiedliche Themen berührt, die den Kern der tibetischen Identität treffen. Vordergründig gesehen ist das Thema für die gewöhnlichen Tibeter, die Shugden anrufen, eine religiös und persönliche Angelegenheit – ihr Lama sagt ihnen, welche Schutzgottheit sie anrufen sollen, ob die Anrufung dieser Gottheit ihr Leben oder das Leben ihrer Familie verbessern wird oder nicht, und ob es Ärger mit den Anhängern anderer Lamas geben wird. Die Zahl dieser Personen muss deutlich geringer angesetzt werden, als die Demonstranten behaupten (sie sprechen von vier Millionen, aber der Beweis dafür fehlt), aber  für all jene, die unmittelbar davon betroffen waren, muss der Streit sehr schwierig und schmerzhaft gewesen sein. Das Schicksal dieser Menschen jedoch, so wichtig es auch sein mag, scheint nicht immer im Fokus der gegenwärtigen Proteste zu stehen.

Dies wird deutlich, wenn wir die Parolen und Forderungen der Shugden-Demonstranten anschauen. Wenn die Anführer der Proteste sich an die Medien oder ihre allgemeine Anhängerschaft wenden, äußern sie ihrer Sorge, ob tibetische Shugden-Anhänger wegen ihres Glaubens verfolgt werden und setzen das in Bezug zu den Menschenrechten. Dies zu thematisieren ist ein berechtigtes Anliegen, da es Berichte über schwere Spannungen in der tibetischen Gemeinschaft in dieser Frage gegeben hat. Die Darstellungen beider Seiten neigen zu Übertreibungen oder sind vage, so dass, da unabhängige Recherchen fehlen, die Einzelheiten schwer überprüfbar sind. Aber die Frage als solche verdient eine durchdachte Antwort.

Allerdings haben die gravierendsten Slogans, die die Demonstranten skandieren, weder mit Diskriminierung oder den Menschenrechten zu tun, noch mit der Art des Shugden-Geistes: Sie sind ein Angriff auf das Ansehen und die Legitimität des gegenwärtigen Dalai Lama. Es sind Parolen wie „falscher Dalai Lama“ und „Der Dalai Lama ist der schlimmste Diktator der modernen Welt“. Der Großteil der mindestens zweihundert Seiten umfassenden Propagandaliteratur der Shugden-Demonstranten ist eine langatmige, schwer verständliche Behauptung, dass der gegenwärtige Dalai Lama vor 75 Jahren durch Betrug ausgewählt worden und nicht der rechtmäßige Halter dieses Amtes sei. Solche Parolen scheinen Teil der Bemühung zu sein, das Ansehen des Dalai Lama zu untergraben und ihm seine Autorität streitig zu machen. Solche Behauptungen haben, wenn überhaupt, nur wenig mit der Besorgnis zu tun, mögliche Fälle von Diskriminierung in der gegenwärtigen tibetischen Gemeinschaft abzustellen.

Dies erklärt, warum die tibetischen Loyalisten in ihren Antworten auf die Shugden-Proteste so zurückhaltend sind; sie reagieren in erster Linie auf die Angriffe auf ihren Führer, den Dalai Lama, und damit auf ihre Bemühungen, eine Exilgemeinde aufzubauen. Und in der Tat besteht der größte Teil der Kampagnenliteratur der Shugden-Demonstranten aus derartigen Angriffen. Und das setzt ein Fragezeichen hinter die Shugden-Kampagne, denn wenn es die Absicht der Demonstranten ist, die  Behandlung ihrer Glaubensgenossen im Exil zu verbessern, so scheint dies der am wenigsten aussichtsreiche Weg zu sein, dieses Ziel zu erreichen. Die Frage der Menschenrechte ist dabei auf der Strecke geblieben und viel schwieriger geworden, weil die Demonstranten sie in einen polemischen Angriff eingebettet haben, der auf den Kern der Werte des überwiegenden Teils der tibetischen Exilgemeinschaft abzielt.

Aus soziologischer Sicht ist die aktuelle Shugden-Bewegung relativ simpel: sie spiegelt das Bestreben einiger engagierter Shugden-Lamas wider, ihre eigenen Institutionen aufzubauen mit eigenen Anhängern, eigenen Einkommensquellen und eigener Zuständigkeit. Das ist normal in der tibetischen Gesellschaft und passiert immer wieder, in der Regel ohne Probleme; es gibt Dutzende von Lamas in der ganzen Welt, die das ohne Schwierigkeiten getan haben. Der Lama, der mit den aktuellen Protesten in Verbindung gebracht wird, bildet insofern eine Ausnahme (auch wenn er sagt, er spiele dabei keine direkte Rolle) als er nicht nur eine neue Institution aufbaut, sondern auch eine neue Schule des tibetischen Buddhismus. Aber selbst dies ist nicht besonders provokant, da die verschiedenen Schulen sich gegenseitig ignorieren können und dies oft auch tun. In diesem Fall aber scheint das Hauptaugenmerk der Anhänger der neuen Schule darauf zu liegen, die Stellung der etablierten Schulen anzugreifen. Und das ist in der heutigen Welt eher ungewöhnlich.

F: Die Demonstranten beschuldigen den Dalai Lama u.a. , ein „falscher Dalai Lama“, ein „Safran-gekleideter Muslim“, zu sein, der „fälschlicherweise von Reting Rinpoche anerkannt“ wurde. Er habe die Selbstverbrennungen in Tibet angeordnet und zusammen mit seinem Bruder Gyalo Thondup geplant, den König von Bhutan zu ermorden. Gibt es ein Körnchen Wahrheit in diesen Anschuldigungen?

Robert Barnett: Dieser Aspekt der Shugden-Kampagne zielt darauf ab zu zeigen, dass bei der Auswahl des aktuellen Dalai Lama in den 1930er Jahren Betrug im Spiel war. Dieses Argument ist typisch für die westliche Shugden-Bewegung und einige ihrer Verbündeten. Es wird nicht von allen Shugden-Praktizierenden geteilt und ist nicht Teil der Shugden-Verehrung oder ihrer Liturgie. Es ist nicht klar, woher es kam, oder warum es in die aktuelle Debatte eingeführt wurde. Für manche anderen Shugden-Lamas und gewöhnliche Praktizierende könnte es sehr wohl sonderbar oder gar beunruhigend sein.

Die Aktivisten sagen, dass ihre Beweise für diese Anschuldigungen aus einem handschriftlichen tibetischen Dokument stammen, in dem von einem geheimen politischen Komplott in Lhasa in jener Zeit die Rede ist. Das Manuskript ist anonym, undatiert, unveröffentlicht und war bisher nicht bekannt. Es enthält ein paar bekannte Fakten neben vielen anderen, die nicht verifizierbar sind, und führt mikroskopisch kleine Begebenheiten an, die nicht belegt werden können, und schreibt diesen vorrangige faktische Bedeutung zu. Zum Beispiel wird etwas, das der vierjährige Dalai Lama eines Tages bei einer privaten Begegnung einem Lama, der zu Besuch kam, gesagt hat, als Beweis dafür angeführt, dass das Kind nicht die Reinkarnation des vorherigen Dalai Lama sei. So wird behauptet, der gegenwärtige Dalai Lama habe als Kind manchmal die Beherrschung verloren. Diese Behauptung beruht auf übernatürlichen Vorstellungen von Reinkarnation, Prophezeiungen und magischen Fähigkeiten. Wir können sie weder als falsch noch als wahr ansehen – sie sind Glaubenssache.

Darüber hinaus hat die Shugden-Kampagne Hunderte von Seiten mit weiteren Vorwürfen gegen den Dalai Lama veröffentlicht (siehe Der Falsche Dalai Lama). Einige von ihnen sind einfach falsche Darstellungen: Die Tatsache, dass es muslimische Familien in dem Dorf gab, in dem der Dalai Lama geboren wurde, wird als Beweis dafür herangezogen, dass seine Familie angeblich eine Muslim-Familie war. Aber natürlich gab es auch buddhistische Familien in jenem Dorf. Und selbst wenn er und seine Familie Muslime wären, so hätte dies keinerlei Bedeutung für die Richtigkeit seiner Auswahl gehabt: tibetische Buddhisten haben Menschen mit unzähligen ethnischen und kulturellen Hintergründen als Reinkarnationen vergangener Lamas anerkannt.

Die anderen Anschuldigungen stammen aus Publikationen von polemischen Kritikern des Dalai Lama, die schon seit Jahrzehnten in Umlauf sind. Sie listen eine große Anzahl belangloser Ereignisse auf (z.B. Gelegenheiten, bei denen politische oder religiöse Extremisten es geschafft haben, den Dalai Lama zu treffen) oder stellen Behauptungen auf, die nicht überprüft werden können (wie zum Beispiel, dass der Dalai Lama an den politischen Aktivitäten seines Bruders beteiligt war). Diese werden dann zusammengefügt, so dass sie ein gewisses Muster bilden. Diese Art der Beweisführung arbeitet so, dass sie für jeden Vorfall eine negative Auslegung findet und jede mögliche positive Interpretation oder wohlwollende Ereignisse auslässt, die zugunsten des Dalai Lama sprechen.

In der Tat haben zahlreiche Wissenschaftler und politische Kommentatoren Kritik am Dalai Lama geübt, allerdings beruhte diese auf sachlichen Argumenten gegen bestimmte Entscheidungen, die getroffen wurden. Hierbei wurden in der Regel polemische Behauptungen vermieden und auch keine großen Verschwörungstheorien unterstellt. Die Shugden-Demonstranten neigen eher dazu, ihre Kritik in Form von Hetze oder Polemik anzubringen statt sachlich. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum ihre Behauptungen von vielen in der Exilgemeinde als Provokation angesehen werden.

F: Eine weitere Behauptung der Shugden-Demonstranten ist, der Dalai Lama versuche, sich zum Oberhaupt aller Traditionen des tibetischen Buddhismus zu machen. Trifft diese Behauptung zu?

Robert Barnett: Der gegenwärtige Dalai Lama wird von den westlichen Medien oft fälschlicherweise als das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus dargestellt. Diese Verwirrung rührt teilweise aus seiner Rolle als politischer oder symbolischer Führer des tibetischen Volkes, teils aber auch aufgrund seiner Stellung als der bekannteste und angesehenste Lama unter den Tibetern, infolgedessen er als das „geistliche Oberhaupt des tibetischen Volkes“ bezeichnet wird. Diese Rollen und Titel bedeuten aber nicht, dass er das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus ist, und er hat – mit Ausnahme seiner eigenen – keine Autorität über andere Traditionen oder Schulen des tibetischen Buddhismus.

Die Situation wurde dadurch etwas komplizierter, dass 1962 die Oberhäupter der verschiedenen tibetisch-buddhistischen Schulen im Exil zusammenkamen und sich darauf verständigten, den Dalai Lama auf der internationalen Bühne als ihren Repräsentanten fungieren zu lassen. Dies war Teil des damaligen Bemühens der Exilgemeinschaft, angesichts der schwierigen Umstände, in der sie sich befand, alle sektiererischen Bestrebungen beizulegen. Nicht alle Lamas waren damit einverstanden und diese damalige Aktion war nur teilweise erfolgreich. Aber gegen Ende der 1980er Jahre wurde unter den Exiltibetern in dieser Frage ein breiter Konsens erreicht.

Es gab Fälle, wo Lamas anderer Schulen den Dalai Lama bei der Beilegung von Streitigkeiten um Rat gebeten haben, eine Rolle, die er und die tibetische Regierung auch in der Vergangenheit schon gespielt haben. Manchmal haben diese Lamas – der verstorbene Shamar und der gegenwärtige Drukpa Lama sind zwei aktuelle Beispiele – es bedauert, seine Mitwirkung gesucht zu haben, und ihn für seine Vorschläge kritisiert. Es sind solche Fälle, die von seinen Kritikern als Beispiel dafür angeführt werden, dass er nach der Macht greift. Doch seine Mitwirkung in solchen Fällen scheint eine Frage gegenseitigen Einvernehmens gewesen zu sein.

Die Shugden-Aktivisten beschuldigen den gegenwärtigen Dalai Lama auch, er versuche, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Schulen und Traditionen des tibetischen Buddhismus aufzulösen. Dies sei Teil des Versuchs, das zu zerstören, was sie die Reinheit der Lehre nennen. Der einzige Beweis, den ich dafür finden kann, ist die Tatsache, dass er Unterweisungen aus verschiedenen Traditionen annimmt, so wie es auch seine Vorgänger taten. Heute arbeiten die verschiedenen buddhistischen Schulen fast völlig unabhängig voneinander und größtenteils freundschaftlich, so dass es schwer ist, einen Beleg für eine solche Behauptung zu finden.

F: Die Demonstranten behaupten: „Wie ein Diktator hat der gegenwärtige falsche Dalai Lama die vollständige Kontrolle sowohl über das religiöse als auch über das weltliche Leben in der tibetischen Exilgemeinschaft.“ Wieviel Autorität und Macht hat der Dalai Lama in der Tibetischen Zentralverwaltung (Central Tibetan Administration/CTA, im Exil), in den Klöstern und unter den Tibetern? Hat sich sein Einfluss während seiner Lebzeit verändert?

Robert Barnett: Der Dalai Lama hat aufgrund seines immensen Ansehens eine große Macht innerhalb der tibetischen Gemeinschaft, aber er übt selten direkt Autorität aus. Mit anderen Worten, er hat großen Einfluss und das Potential, das Geschehen zu gestalten, wie er es auch getan hat, um Mittel für die Exilgemeinde zu beschaffen, ihre generelle politische Ausrichtung zu gestalten und, in den frühen Jahren, um die Regierungsbeamten zu ernennen. Das gehört zu den normalen Aufgaben, die ein Führer einer Gemeinschaft hat, und es wäre ein Versäumnis, wenn er es nicht täte. Er hat seinen Einfluss genutzt, um Institutionen ins Leben zu rufen, um die tibetische Kultur im Exil zu bewahren und die Exilgemeinde zu erhalten; seit den frühen 1970er Jahre versucht er, sie zu überzeugen, auf Gewalt zu verzichten, und später sogar, die Unabhängigkeit aufzugeben. In all diesen Aufrufen hatte er nur teilweise Erfolg, und keinen von ihnen könnte man als Versuch bezeichnen, die vollständige Kontrolle zu erlangen. Zum Beispiel gibt es keine Sanktionen gegen Tibeter, die die Exilgemeinschaft verlassen, und viele Tibeter unterstützen immer noch das Streben nach Unabhängigkeit.

Im Laufe der Zeit schränkte er seine Rolle als Führer kontinuierlich ein, so dass Entscheidungen immer öfter von Exilbeamten gefällt wurden. Einige von ihnen sind gewählt. Selbst in der Zeit davor werden wir wenige oder gar keine Fälle finden, in denen er seine Autorität direkt benutzt hat, um gegen eine Einzelperson oder eine bestimmte Gruppe vorzugehen. Diese Art von Macht scheint er nicht ausgeübt zu haben. Seine Erklärung zur Shugden-Frage im Jahr 1996 ist das einzige Beispiel, von dem ich weiß, wo ihm eine Sache so wichtig war, dass er seinen Anhängern eine direkte ausdrückliche Anweisung zu ihrer persönlichen Praxis gab, in diesem Fall zu den Voraussetzungen für all jene, die an seinen Einweihungen teilnehmen.

Die Kritik am Missbrauch der Macht des Dalai Lama bezieht sich in der Regel nicht auf ihn, sondern auf diejenigen seiner eher konservativen Anhänger, die seinen Namen benutzen, um das Ansehen ihrer Kritiker zu untergraben. Es hat zahlreiche Fälle gegeben, in denen Tibeter, die den Dalai Lama in dem einen oder anderen Punkt widersprachen, von der Exilführung oder prominenten Mitgliedern der Exilgesellschaft allein wegen ihrer abweichenden Ansichten beschuldigt wurden, persönlich den Dalai Lama angegriffen zu haben (auch die Shugden-Demonstranten haben dies erlebt, aber sie greifen tatsächlich den Ruf des Dalai Lama an). In einer stark religiös geprägten Gesellschaft ist dies eine sehr schwere Anschuldigung. Sie hat die Debatte erstickt und zu viel Unmut geführt. Dies bleibt ein Problem in der Exilgemeinde.

F: 2011 hat der Dalai Lama seine politischen Funktionen abgelegt. Bedeutet dies, dass er heute keinerlei politischen Einfluss mehr hat?

Robert Barnett: Als der Dalai Lama 2011 in den Ruhestand ging, hat er viel mehr getan, als sich von seinen politischen Ämtern zurückzuziehen – er hat auch das Exilparlament bewogen, die Verfassung zu ändern, so dass kein zukünftiger Dalai Lama oder irgendein anderer religiöser Führer die politische Macht ausüben oder kraft seines Amtes eine Rolle in der Regierung spielen kann. Das kam völlig unerwartet. So hat er zumindest formal nach der Verfassung die Exilregierung säkularisiert und weitgehend demokratisch gemacht. Aber natürlich bleibt sein persönlicher Einfluss immens. Aufgrund seiner historischen und religiösen Stellung ist er immer noch das symbolische Oberhaupt der Tibeter, auch wenn er formell kein Amt bekleidet. Die Minister werden ihn weiterhin konsultieren, und viele Tibeter werden seinen Rat erbitten. Bei der Debatte, ob die Tibeter das Streben nach Unabhängigkeit aufgeben sollen, sehen wir, dass sein Einfluss keineswegs absolut ist. Aber er bleibt mit Abstand der berühmteste und einflussreichste aller tibetischen Lamas und die einzige Persönlichkeit, die imstande ist, das tibetische Volk zu einigen und die Unterstützung der gesamten Gemeinschaft zu mobilisieren.

F: Es herrschen unterschiedliche Auffassungen darüber, ob es in der tibetischen Exilgemeinschaft einen „Bann“ der Dorje-Shugden-Praxis gibt. Können wir wirklich von einem Bann sprechen, so wie wir den Begriff verstehen und im westlichen Kontext verwenden würden?

Robert Barnett: Es hängt davon ab, wie der Begriff definiert wird. Der Dalai Lama hat 1996 bekannt gegeben, dass unter denjenigen, die von ihm Einweihungen und ermächtigende Belehrungen annehmen – mit anderen Worten, seinen unmittelbaren religiösen Anhängern – keine Shugden-Praktizierende sein sollen. So gesehen ist das ein Bann, aber er hat eine relativ präzise Anwendung, da er nur für diejenigen gilt, die freiwillig wählen, an einer bestimmten Belehrung oder Zeremonie durch den Dalai Lama teilzunehmen. Solche Beschränkung ist nicht eine Frage von Menschenrechten oder Diskriminierung, da Religionszugehörigkeit und Verpflichtung unmittelbar mit diesem Ereignis zusammenhängen. Es ist aber auch kein Bann im Sinne eines universellen Verbots, das die Shugden-Praktizierenden überall beträfe. Solche Regeln und Einschränkungen sind in religiösen Institutionen üblich, und zweifelsohne gibt es auch vergleichbare Beschränkungen bei den Shugden-Praktizierenden auf einer bestimmten Stufe.

Die Exil-Klöster in Indien, die auf öffentlichen Aushängen Shugden-Praktizierende ablehnen, scheinen in einer ähnlichen Situation zu sein: ihre Regeln definieren die Zugehörigkeit zu der Institution in einem engen Rahmen, weil es deren Funktionieren unmittelbar betrifft, und man kann selbst entscheiden, ob man Mitglied dieses oder lieber eines anderen Klosters werden will. Anders liegt der Fall, wenn ein Laden einen diskriminierenden Hinweis aufstellt: Einen Laden betrittst du freiwillig, aber deine religiösen Ansichten spielen für das Funktionieren des Geschäfts keine Rolle. Das wäre also eine Diskriminierung. Dafür gibt es keine Rechtfertigung, und es ist zu hoffen, dass die Exilführung vermehrt die Menschen aufklärt, so etwas zu unterlassen.

Die Situation ist auch kritisch, wenn es um die Mitgliedschaft in der tibetischen Gemeinschaft oder der Exilverwaltung geht, denn die Mitgliedschaft ist nicht völlig freiwillig, und die eigene religiöse Praxis hat keinen unmittelbaren Bezug zu einer Tätigkeit dort. Das gilt ebenfalls für gesellschaftliche Gruppierungen der Tibeter. Wenn dort konfessionell begründete Ausgrenzungen stattfinden, läuft das vermutlich auf eine Verletzung des Rechtes hinaus. Im Falle der Exilregierung ist die Beweislage nicht klar: Es gibt widersprüchliche Aussagen darüber, ob es in der Exilverwaltung Beschränkungen für Shugden-Praktizierende gibt. Hier besteht also Bedarf für weitere Recherchen.

F: Es scheint seitens der CTA eine gewisse Dämonisierung der Shugden-Praktizierenden zu geben. In einer CTA-Erklärung vom März 2014 werden sie als „Verbrecher der Geschichte“ bezeichnet.

Robert Barnett: Diese Erklärung wurde von der Exilversammlung bzw. vom Exilparlament gemacht, nicht von der CTA. Sie lässt nicht auf eine durchdachte Antwort schließen, die dazu dient, die Heftigkeit des Konflikts abzumildern. Aber die CTA ist sogar noch weiter gegangen als das Parlament: Sie hat auf ihrer Website eine Liste mit den Namen von ausgewählten Shugden-Praktizierenden veröffentlicht, zusammen mit deren Fotos und weiteren Identifizierungsmerkmalen. Dies ist eine Form öffentlicher Anprangerung, und birgt das Risiko weiterer Entrüstung und Schikanen. Wenn diese Leute ein Verbrechen begangen haben oder dabei sind, ein solches zu begehen, wie einige Exilführer behauptet haben, dann ist es Sache der indischen Polizei, die Namen der Verdächtigen zu veröffentlichen, nicht Sache von Politikern oder Exilregierungen. Diese Art des Vorgehens scheint im Widerspruch zu den demokratischen Prinzipien zu stehen und verhindert faire und offene Debatten.

Es ist natürlich verständlich, dass viele Exiltibeter über den Shugden-Protesten verärgert sind – wenn man die Parolen der Demonstranten betrachtet, so ist klar, dass sie das Ziel haben, die Mehrheit der Tibeter zu provozieren. Aber als Verantwortliche muss die Exilführung die Menschenrechtsvorwürfe von den politischen Forderungen trennen und erstere mit Ruhe und Maß angehen. Dies würde ihre eigene Position als verantwortungsvolle Führer und Verfechter der Demokratie stärken. Sie müssen jeder Anschuldigung sachlich und leidenschaftslos nachgehen, alle Formen von Diskriminierung innerhalb ihrer Gemeinschaft ächten, den Gruppen in der tibetischen Gemeinschaft nahelegen, Ausschlussklauseln aus ihren Statuten zu entfernen und die breite Öffentlichkeit über die Bedeutung von Toleranz gegenüber Minderheiten aufklären. Das wird angesichts der Bitterkeit und der Provokationen, denen sie gegenüberstehen, nicht einfach sein, aber es ist sicher die beste Lösung in dieser Frage.

F: Im Westen neigen die Tibet-Unterstützer dazu, den Demonstranten zu unterstellen, von China finanziert zu sein. Spielt China eine Rolle in dieser Kontroverse, innerhalb als auch außerhalb Tibets?

Robert Barnett: Die Rolle der chinesischen Regierung bei der Förderung der Shugden-Verehrung in Tibet ist beträchtlich, und ihre Politik in diesem Bereich wird von einigen als Anfachung des religiösen Konflikts in Tibet angesehen. In einigen Regionen ist jetzt illegal, über Shugden zu diskutieren oder das Thema überhaupt anzusprechen, und es ist mit Sicherheit gefährlich, die Position des Dalai Lama zu unterstützen. Einige der Mönche, die diese Position vertreten haben, sind verhaftet worden. Konflikte sind in der Gesellschaft bereits erkennbar, und es wird berichtet, dass in diesem Jahr [2014, Anm. d. Übers.] mindestens eine Person in Tibet im Streit über das Shugden-Thema getötet worden ist. Die Position der chinesischen Regierung zur Shugden-Frage spiegelt genau die der westlichen Demonstranten wider, und hochrangige Politiker aus der chinesischen Führung haben häufig Erklärungen abgegeben, in denen sie den Dalai Lama wegen dieses Themas angreifen. Einige tibetische Shugden-Praktizierende und Shugden-Gruppen im Exil sind aufgeschlossen, was eine enge Zusammenarbeit mit den chinesischen Behörden in dieser Frage betrifft, und einige dieser Exiltibeter haben schon Anti-Dalai Lama Artikel in offiziellen chinesischen Publikationen veröffentlicht, was ihr gutes Recht ist.

Es gibt jedoch keinen eindeutigen Nachweis für konkrete Verbindungen zwischen der chinesischen Regierung und den westlichen Shugden-Demonstranten. Und es gibt keinen Beweis dafür, dass die chinesische Regierung die westlichen Demonstranten finanziert. Diese Demonstranten gehören meist zu einer religiösen Organisation mit einer ungewöhnlich effektiven Methode der Rekrutierung: Jeder, der eine bestimmte, relativ niedrige Stufe erreicht hat, wird aufgefordert, ein eigenes, separates Zentrum zu gründen, um seinerseits wiederum weitere Anhänger zu rekrutieren. Dieses Modell, das unter den tibetisch-buddhistischen Bewegungen eher selten ist, produziert eine große Zahl von Anhängern, was wiederum auch potentiellen Zugang zu Finanzquellen ermöglicht. So muss man nicht zwangsweise folgern, dass die westlichen Demonstranten Finanzunterstützung aus anderen Quellen benötigen. Es ist auch nicht unbedingt von Bedeutung. Die unmittelbare Frage ist, ob irgendeine der von den Demonstranten aufgeworfene Frage von Menschenrechtsverletzungen berechtigt ist, und, wenn ja, was zu tun ist, um sie zu aufzulösen. Aber das wird angesichts der Entscheidung der Protestierenden, diese Fragen mit einer politischen, einseitigen Kampagne gegen das Ansehen des Dalai Lama zu vermischen, wahrscheinlich nicht passieren.

 

Prof. Robert Barnett ist Direktor des Programms für Zeitgenössische tibetische Studien an der Columbia Universität in New York.

Aus dem Englischen übersetzt von Tsewang Norbu. Editiert von MDC.

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